Auf zwei Hochzeiten tanzen

Auf zwei Hochzeiten tanzen

Einer Mutter steht die Verzweiflung im Gesicht und diese wahre Geschichte spiegelt wohl viele Situationen mit dem Konflikt, dem täglichen Kampf um Schule und Mediale Welt, wider.

Hallo Frau Weidner, meine Tochter, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll!
Ihr Hirn ist total leer. Sie hat heute in einem Fach eine Drei mit nach Hause gebracht, obwohl sie sonst immer Einser schreibt. Das geht so nicht, denn in drei Monaten sind ihre Abschlussprüfungen.
Nun fängt sie an, sich ihre tollen Vornoten kaputt zu machen und wenn es dann so weit ist, dann weiß ich schon, wie das alles ablaufen wird:
kein Schlaf mehr
kaum Nahrungsaufnahme
völlig durch den Wind
komplettes Versagen in den Prüfungen
Wofür haben wir dann im Vorfeld so viel gekämpft?

Und so weiter und so weiter. Die Mutter ist am Boden zerstört. Natürlich muss man noch viel mehr von der Vorgeschichte kennen, um hier urteilsfrei reagieren zu können. Ich kenne diese Geschichte und möchte hier auf jeden Fall der Mutter danke sagen, die sich seit Jahren so sehr um ihre Tochter bemüht hat, um an diesen Moment der guten Vornoten zu kommen. Auch wenn sie oft überreagiert, somit leider zu viel Druck ausübt, hat sie nicht Unrecht. Denn das Problem liegt bei den beiden Hochzeiten.
Die Mutter liebt ihr Kind über alles. Das weiß die Tochter, das weiß ich. Drei Monate noch, dann ist es so weit, dann haben wir es alle geschafft.

Du wirst dich wundern, warum der Vater hier nicht erwähnt wird. Gibt es den auch?
Ja, den gibt es, doch halte ich mich hier deshalb zurück, weil den Motivationsfaktor die Mutter und ich weitgehend übernommen haben. Der Vater versucht ein wenig Ruhe in die hitzigen Situationen zu bekommen oder … Er hält sich lieber raus, damit er nicht selbst explodieren muss.

Ich sage meinen Schülern immer, nur wer sich wirklich traut, sich zu reiben (miteinander zu streiten, zu diskutieren), der hat auch ein Interesse am anderen. Und das ist hier ganz bestimmt gegeben. Diese Schülerin braucht die Unterstützung der Mutter. Ihr hat sie es zu verdanken, dass sie da steht, wo sie notentechnisch gerade ist, nämlich bei 2,2 Notendurchschnitt. Damit hätte sie ihren Abschluss schon in der Tasche und könnte komplett gechillt in die Prüfung gehen.

Doch es kommen nun in den nächsten acht Wochen noch ein paar Leistungsnachweise hinzu, die sie bestehen muss, wenn sie den Druck in der Prüfung rausnehmen möchte.

Was ist in diesem Fall meine Strategie, um bei beiden den Druck herauszunehmen?

Ich kann nur auf einer Hochzeit tanzen. Kennst du diese Redewendung, frage ich das Mädchen.

Sie kennt sie nicht, denn ihr ganzes Interesse steckt in der Mode, im Designen ihres Stils und das lässt kaum Raum für andere Dinge. Sie zeichnet, sie filmt, sie stellt ihre erarbeiteten Werke in einem eigenen YouTube Kanal ein und hat schon einige Abonnenten.
Das ist viel für eine Schülerin der 9. Klasse. Und sie kann wirklich was. Hier liegt ihr ganzes Herzblut und das hat ein Arbeitgeber beim Einstellungstest auch gemerkt und ihr den Lehrstellenvertrag schon vor der Abschlussprüfung unterschrieben.
Normalerweise starten Schüler, die schon vor der Abschlussprüfung ihre Lehrstelle unterschrieben haben, noch mal richtig durch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass so viel Last von ihnen abfällt, dass sie sich komplett auf das Lernen konzentrieren und hier noch mal richtig gute Leistungen erbringen.

Doch in diesem Fall ist es leider gar nicht so.
Daher auch diese Metapher mit dem Tanzen auf der Hochzeit.

Du bist auf einer Hochzeit eingeladen, auf der du zwar Menschen kennst, aber du magst sie nicht. Du magst überhaupt nicht auf dieser Hochzeit sein, denn du weißt, dass die andere Hochzeit viel lustiger ist, die Menschen dort viel sympathischer erscheinen und du dich dort auch viel wohler fühlen würdest. Doch nun bist du hier, hier auf einer langweiligen Hochzeit, auf der du sein musst, weil es gerade zu einer familiären Verpflichtung gehört.
Du ziehst ein Gesicht. Du sitzt nur herum. Du nimmst die Stimmung kaum wahr, weil du sie nicht wahrnehmen willst. Du bist mit deinen Gedanken nur in den Räumen der anderen tollen Hochzeit.
Dort wo alles hell erleuchtet scheint, dort wo die Musik ja viel besser ist, dort wo das Essen viel besser schmeckt, dort wo die Gäste viel jünger und lustiger sind.
Deine Gedanken.
Sie lassen dich nicht mehr los.
Hin –und hergerissen von der Pflicht, hier auf dieser langweiligen Hochzeit sein zu müssen und doch lieber auf der anderen sein zu wollen, bist du nicht wirklich dort, wo du sein musst.

Ja, und das ist dein Dilemma. Du bist mit deinen Gedanken nicht bei der Schule, nicht bei deinem Abschluss, nicht bei dem Ziel, hier mit guten Noten in die Lehre zu kommen.
Leider leben wir in dieser Leistungsgesellschaft, in der die Noten den Ausschlag geben, ob man die Prüfungen besteht oder nicht.

Ich erkläre dem Mädchen, dass sie gerade jetzt in dieser Situation nur eine Wahl hat: die Liebe zum Designen von Mode, für nur drei Monate zur Seite zu legen. So hätte sie die Chance, mit ihren Gedanken auf der anderen Hochzeit anzukommen. Wenn sie wirklich wüsste, dass es keine Wahl gibt, dann würde sie bestimmt auch versuchen, mit den Gästen in Kontakt zu kommen. Dann würde sie mit der Zeit auch Geschmack an dem Essen und an der Musik bekommen und übertragen auf ihre jetzige Situation, würde sie mit den besseren Noten wieder Freude an der Schule bekommen und tatsächlich in einer gechillten Prüfung entgegen gehen.

Zum Glück hat der Lehrherr das Dahinter der Schülerin erkannt. Zum Glück hat er aus den Gesprächen herausbekommen, dass er eine junge Frau vor sich hat, die sich in ihrer Freizeit mit dem Schneidern und Zeichnen, also Erschaffen von neuen Modekreationen beschäftigt und für ihr Alter schon sehr viel Kreativität aufweisen kann. So stand der Unterschrift von Seiten des Lehrherrn nichts im Wege.
Doch nun ist es meine Aufgabe, diesem jungen Menschen klar zu machen, dass sie die nächsten drei Monate tatsächlich nur auf einer Hochzeit tanzen dürfe, wenn sie ohne Versagensängste in die Prüfungen gehen will.

Ich bin gespannt, wie sie sich nach diesem Coaching entschieden hat und vor allem, wie liebevoll konsequent ihre Eltern diese schwere Zeit ohne ihr Herzensprojekt mit ihr gehen können.
Denn sie hat so tolle Eltern, die leider viel zu oft inkonsequent ihrem schöpferischen Wirken den Raum gelassen haben. Bitte nicht falsch verstehen. Diese Eltern sehen die Begeisterung für ihr Tun. Sie sehen, dass tatsächlich auch nur aufgrund dieser Leidenschaft die Unterschrift auf dem Lehrvertrag zustande gekommen ist.
Ich sehe das Problem der Inkonsequenz darin, dass man ein paar Tage vor einer Probe trotz Ermahnungen, doch bitte nicht so viele Stunden mit der Malerei zu verbringen, die Tochter dann leider wieder malen zu lassen,  als kontraproduktiv an. 
Und entspricht die Note einer Probe dann nicht den Vorstellungen aller, beklagt man sich, wenn die Zeit zum Lernen oder besser gesagt die Gedanken an die schönere Hochzeit keinen Raum für den Prüfungsstoff bekommen haben. Dann beklagt man sich hinterher mit hättest du doch… !
Lieber am Wochenende konsequent die Hochzeit, zu der man sich den Kind hingezogen fühlt aus dem Kopf nehmen und erst nach getaner Arbeit, Pflicht, Prüfung wieder locker werden und als Belohnung dem Herzen die Freude für ihr Ziel geben.

Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie es schafft, den Sinn dieser Metapher zu verstehen und auch umzusetzen und dass auch Eltern die Kraft haben, hier liebevoll konsequent zu sein. 

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Christine Weidner

Als Lernstrategie-Coach, Konzentrationstrainer, Dipl. System Coach für ADS/ADHS nehme ich Familien an die Hand, um sie durch den Schulalltags-Dschungel zu begleiten.

Inspiriert durch Erfahrungen im Umgang mit meinen Schülern und Eltern habe ich angefangen, Blogartikel zu schreiben. In der Hoffnung, viele Eltern durch meine Ideen zu inspirieren, lasse ich immer dann, wenn meine Herz schreiben will, einen Blogartikel entstehen.

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